Dieser Isländer zeigt einen Unterhals. Er ist eng in der Ganasche. Der Rücken ist weggedrückt. Das Becken ist nicht gekippt. Dieses Pferd ist ganz sicher nicht froh.

Verspannte Isländer neigen zum Wegrennen

Autorin Karen Diehn für die Bilting News 2007

Nachzulesen unter:
http://www.thp-brandes.de/assets/download/Bilting_drei.pdf

Anja Görtzen (www.anjagoertzen.de) ist als Instruktorin für "Reiten aus der Körpermitte" (nach Sally Swift), TTEAM-Practionerin und Reitlehrerin mit Schwerpunkt Dressur seit acht Jahren im Großraum Hamburg und Uelzen tätig. Zu ihren Reitschülerinnen gehören immer mehr Islandpferde.

Schwerpunkt meines Reitunterrichts ist nicht das Erlernen von Lektionen um ein Pferd zu gymnastizieren. Ich gehe davon aus, dass in erster Linie der Sitz und die daraus erfolgende Einwirkung die Pferde in die gewünschte Haltung bringen. Ich wünsche mir ein schwungvoll über den Rücken gehendes, kooperatives, zufriedenes Pferd, das bis ins Alter keine Beschwerden entwickelt. Und eine Reiterin, die achtsam, losgelassen, ausbalanciert, ohne Schmerzen und mit Freude an der Entwicklung ihres Zusammenseins mit dem Pferd experimentiert.
Um dies zu erreichen, arbeite ich viel über Bilder als "Anweisungen", wie z.B. "Rückwärts Fahrradfahren im Schritt" (ein Element aus dem Centered Riding) oder "die Boje" zum Auspendeln des Oberkörpers (aus dem Connected Riding). Diese Bilder dienen eher als konkrete Veränderungsvorschläge für die Körperorganisation und denn als technische Anweisungen.
Ob eine Veränderung erfolgreich war, zeigt mir in erster Linie die Reaktion des Pferdes.
Wenn ich Islandpferde-Reiterinnen im Unterricht oder auf Kursen neu kennen lerne, fällt mir häufig auf, dass Isis in allen Grundgangarten schnell, staksig, auf der Vorhand, hart und ohne Takt laufen. Die Pferde eiern steif durch die Kurven, drücken den Rücken weg, haben dabei einen Unterhals und hektischen Ausdruck in den Augen. Sie wirken, als würden sie weglaufen. Viele Reiter stemmen sich regelrecht in den Sattel und wirken hart mit der Hand ein.
Häufig beobachte ich zudem, dass die Reiter ihr Becken falsch kippen, mit nach vorne gestrecktem Bein quasi im Bügel stehen oder die Unterschenkel wegstrecken.
Als Grund für diese Art Reiten wird mir häufig erklärt, dass über das Vorwärtsreiten die Hinterhand aktiviert werden soll. Vorne soll gehalten werden, um einerseits Spannung ins Pferd zu bekommen (in Hinblick auf das Töltreiten) und um das Pferd aufzurichten.


Dass sie mit dieser Art Einwirkung eher das Gegenteil erreichen und ihre Pferde quasi dazu zwingen, physiologisch ungesund zu laufen, ist den wenigsten meiner Reitschülerinnen am Anfang bewusst.
Ich finde es wichtig, dass man beim Reiten verstehen lernt, was man tut und warum man es tut. Offenbar wurde das aber nur wenigen meiner ReitschülerInnen so vermittelt. Denn die meisten ReiterInnen wissen gar nicht, was ihr Reiten bewirkt. Es ist dann interessant herauszufinden, warum sie sich bestimmte Verhaltensweisen angewöhnt haben oder warum sie z.B. eine bestimmte Übung reiten.
Der nächste Schritt ist dann über verschiedene Übungen deutlich zu machen, dass das Pferd ständig Rückmeldung gibt, ob es die Einwirkung als hilfreich oder als störend erlebt. Jede Störung in Form von Taktfehlern, unrunden Volten, mangelnde Anlehnung usw. ist ja ein Signal für einen Balanceverlust. Abgesehen von unpassendem Equipment und Exterieurproblemen stört natürlich eine steife, schiefe, unbewegliche oder unausbalancierte Reiterin.
Und Spannung erzeugt Gegenspannung.
Manchmal haben die Schülerinnen Angst, weil sie ihre Isländer nur schwer im Tempo regulieren oder anhalten können. Erfahrungen mit Durchgehen gibt es ebenfalls. Wer aber aus Angst mit den Oberschenkeln klemmt oder ständig hart einwirkt, wird sein Pferd noch weniger regulieren können!
Denn wenn zwei Lebewesen sich miteinander bewegen und dabei angespannt sind, verlieren sie ihre Flexibilität, Elastizität und Leichtigkeit.

Den Pferden helfe ich auch am Boden über spezielle Übungen aus der TTEAM-Arbeit nach Linda Tellington-Jones und aus dem Connected-Riding nach Peggy Cummings. Wenn sie ein besseres Körpergefühl am Boden entwickeln, können sie auch mit der Reiterin besser ins Gleichgewicht kommen.


Die ReiterInnen müssen lernen, sich in die Bewegungen des Pferdes einzufühlen und herauszufinden, ob die Qualität des Zusammenseins gut oder gestört ist - sowohl körperlich als auch auf der Vertrauensebene. Wenn der Bewegungsfluss gestört ist, versuche ich mit meinen Schülerinnen gemeinsam herauszufinden, warum.
Viele Islandpferde-Reiterinnen sind bei dieser Art der Herangehensweise zunächst skeptisch. Schließlich bedeutet es, dass sie sich fast mehr mit sich selber als mit dem Pferd beschäftigen müssen. Es scheint mir, dass im typischen Isländer-Unterricht sonst mehr auf das Pferd und weniger auf den Reiter geguckt wird.
Dabei lässt man aber leicht außer acht, dass besonders Isländer bei Störungen häufig mit Gangfehlern reagieren. Daran ist aber oft nicht das Pferd (und seine Veranlagung) "Schuld" sondern das Zusammenspiel aus Pferd und Reiterin. Wenn man bedenkt, dass Pferde kleine Fliegen auf ihrer Haut spüren, wird deutlich, welche fatalen Folgen eine falsche Einwirkung hat.

Isis empfinde ich als sehr sensibel, aber nicht so unmittelbar reaktiv wie "hochblütige" Pferde. Das bedeutet für mich, dass ich bereits kleine Verspannungen erkennen muss, um daran rechtzeitig zu arbeiten. Verspannte Isländer neigen oftmals zum Weglaufen oder zum "Dichtmachen".
Beim Reiten machen sie - z.B. auch bei Überforderung - regelrecht zu. Werden sie dann noch mit zu groben, undifferenzierten und störenden Hilfen geritten, entsteht ein Teufelskreis aus Wegrennen, Dichtmachen, Verspannung usw., an dessen Ende oftmals ein angeblich "schwieriges" Pferd entsteht.


Aktuelle Veranstaltungen

Peggy Cummings demonstriert connected riding in Quakenbrück am 23. September 2018.

Kontakt

Anja Görtzen
Buschöhrchen 19
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